Freitag, 2. Dezember 2022

Kemin

Guten Morgen aus Kemin.

Erste Flachetappe Richtung Osten.

Fahren wie die Wahnsinnigen. Immer wieder schneiden die Marshrutka von links, wenn am Strassenrand Personengruppen auf Mitfahrt wartend in der Rushhour auftauchen.
Aus voller Fahrt ohne Gnade einfach nach rechts ziehen, abruptes bremsen, so das die Spur urplötzlich blockiert ist. Danach seelenruhig wartend, bis alle eingestiegen sind. Blinker benutzt sowieso niemand.
Marshrutka fahren hop on-hop of.

Dazu die ganzen Irren, die meinen mit Abstand überholen kostet extra. Das ist kein zufälliges, oh-nicht-gesehen! Nein! dazu sind es zu viele. Wo bin ich hier?

Und nicht alle erreichen Ihr Ziel an diesem Morgen. Ein crash in der Straßenmitte führt meist erst recht zur Anarchie, weil Nachfolgende trickreich vor dem Stau nicht warten wollen.

Nach 90min wird es zum Glück ruhiger. Der Verkehr läßt nach, es reiht sich nun Dorf an Dorf, kleine weiss gestrichene, geduckte Häuser in sehr einfacher Bauweise.
Viel sehenswertes gibt es nicht.

Kemin der Zielort beeindruckt mit einer stattlichen Zahl Baumärkten und Supermärkten, die neben Lebensmitteln auch alles andere führen von Suppentopf bis Klobürste, einige Restaurants, dafür ist der Bazar relativ klein.
An der einzigen Gostinitza fahre ich glatt 2 mal vorbei. bis der checkin erfolgt. Der Parkplatzwächter eilt aus seinem Kabäuschen und brüllt hinauf in den 4.Stock. Ein Fenster öffnet sich und die Aufnahme ist gesichert. Macht 1€ beim Parkplatzwächter für das einschließen des Fahrrades über Nacht. Hoffentlich finde ich am nächsten Morgen wieder.

Bezahlt wird nur in cash Nur Bares ist wahres. Die Gostinitza bietet fahrenden Monteuren günstigen Schlafplatz, aehr spartanisch eingerichtete Zimmer und Küche für 6,50€. Das einzige Bad auf dem lange Flur im sowjetstyle ist gewöhnungsbedürftig.
Eine typische Herberge für Montage ohne Extras, trotzdem ist der Flur am Abend gut belegt. In der Küche gibts weder Wasserkocher noch andere Utensilien und ich überlege, warum ich bloß den Kaffeekocher zu Hause ließ.
Die Babushka gestattet die Benutzung ihrer Privatküche, dreifach gesichert mit Schlössern. Immerhin Kaffee ist gesichert. Monteure brauchen hier nach der Arbeit keine Küche sondern Flüssiges.

Donnerstag, 1. Dezember 2022

Sonntagmorgen in Bishkek

Das Apple ist in Sachen Hostel der goldene Wurf. Internationale Gäste, viel smalltalk und Erfahrungsaustausch, absolut professionell, mit angegliederter Stolovarja, einem Frunse Hypermarket um die Ecke, Avtovoksal und Marshrutka Startplatz vor der Tür und dem Osh Basar in 1km Entfernung. Für lässige 7€/bett und Frühstück.

Naja.

Nach 1 Wo Eier in jeder Form könnte Abwechslung am Frühstückstisch geschmacklich gut tun.
Sonntag ist auch hier für die meisten Menschen frei und dann gehts auch in Bishkek auf den Basar. Der Osh Basar ist der Bauch der Stadt. Vielleicht auch das Herz.

Während der Ala Too Platz als verwaiste Steinwüste mit Stechschritt und Fahnenmast mitten in Downtown Bishkek zu besichtigen ist, pulsiert rund um den Osh das Leben.
Auch am Sonntag. Einen Platz in eine der zahlreichen Garküchen für ein leckeres Lagman zu bekommen ist um die Mittagszeit echte Glücksache

Es ist auch eine doofe Idee rund um den Bazar an diesem Tag an den zahllosen ATMS Geld abheben zu wollen, entweder bilden sich Trauben mit aus westlicher Sicht einer gewöhnungsbedürftigen Einstellung zur Privatsphäre oder die ATMs sind gleich leergespielt. So bleibt nichts anderes übrig als einige Optima Banken in Downtown zu besuchen.

Protip: sollte jemand in Bishkek seine Visa Karte spielen wollen, unbedingt Optima Bank benutzen. Die rücken nämlich keine mickrigen Summen raus, sondern erdige 25000som.

Ausserhalb des Osh ist am Sonntag sehr ruhig. Es scheint, die Stadt atme auf. Wenig Verkehr, viel Platz zum flanieren, da wo sich werktags die Menschen drängen.

Der Blick folgt den historischen Bauten der Sowjetära und es braucht nur wenig Vorstellungskraft, wie es 30Jahre zuvor hier aussah. Bishkek ist vielleicht die sowjetischste aller Städte außerhalb Russlands selbst. Viel Stalin Architektur, immer noch viel Hammer und Sicher und eine ganze Reihe von Mahnmalen als Erinnerung an den großen Vaterländischen Krieg.
So wie auch in vielen russischen Städten.

Zugleich ist es eine Stadt krasser Gegensätze, viele Gebäude mit Säulenarchitektur und jede Menge Brutalismus Masterpieces brechen mit hypermodernen Malls wie der Bishkek Park.
Da fahren uralte GAZ Busse und rostreife Trolleybusse und gleichzeitig gibt es eine sehr grosse Anzahl an Luxus SUVs.

Die Jugend fährt E-scooter auf breiten Fußgängerflächen, ein Block weiter endet der holprige Fußweg abrupt und man steht über 100m lang in einer aufgerissenen verwaisten Brache.

Ich wollte nicht ein zweites langweiliges Tashkent besuchen, so war nicht viel Zeit für Bishkek eingeplant. Die Zwangspause lässt jedoch die Sorge ist unbegründet erscheinen, Bishkek bietet viel zu sehen.
Es lohnt einige Tage vor den Outdoor Unternehmungen einzuplanen. Die Zeit neigt sich hier nun erneut dem Ende.

Sonntag, 20. November 2022

Am Tag danach

Wunden lecken, neue Planung

Mehr 10h im 10bed dorm geschlafen und fast das opulente Frühstück verpasst. 4 Alternativen stehen zur Auswahl, alle  mit Ei in jeder Form und 1 Getränk, naja, für 7€/Nacht im dorm und Frühstück nicht schlecht

Need more Coffee.

Das apple ist eines dieser Großhostels, zwar bestens organisiert mit allem was der Reisende so braucht, aber hochgradig anonym und letztlich mit wenig Charme.

Danke für alle Mutmacher, ich bin ganz schön emotional durchgerüttelt, 

Aber es geht weiter, the games must go on ein neues Fahrrad muß her eine neue Route 

Es gibt eine Hand voll Fahrradläden in Bishkek, die gilt es zu überprüfen. 
Eine ernsthafte Fahrradkultur gibt es nicht wirklich in diesem Land. 
Velo Lider heißt der Store in der Moskovskaya Strasse  Der Chef schraubt selbst, die Unterhaltung mit Händen und Füßen macht wenig Hoffnung. Gebrauchte Räder sind nicht zu haben. Das Einsteiger Modell gibts ab 500€ In Vergleich zu Deutschland ein Schnäppchen. 
Alle Räder haben immer das gleiche Design, 29er, gesloopter Rahmen, kein Rack. Tourenmaschinen gibt es nicht. Einfacher wird es nach dem Besuch des Lider nicht.

Nächste Option Gebrauchtuntersatz besorgen ist das Apple selbst. Großspurig auf flyern angekündigt allerdings die genaue Bertachtung ist auch hier enttäuschend. Sechs betagte Rosse, geschunden auf dem Weg durch das Rad von ihren westlichen Vorbesitzern auf dem Weg zum Apple Hostel.  Alle mit platten Rädern, abgerissenen Bowdenzügen. Der erste Blick täuscht nicht, allesamt Metallschrott, hier hat schon lange keiner mehr eiun Rad ausgeliehen. 

Nach 3 Tagen und etliche Kilometern in einer leblosen Verkaufshalle den passenden Zossen entdeckt  250€ in erschreckendem kackbraun, ein 29er, 7Gang mit disk und passender Geometrie in Shimano Alytus Ausstattung, So steht es drauf. Mein erster 29er. Für weniger gehts wohl nicht. 

Zurück zum Lider, eine kritische  Komplettinspektion für 3,13€ mit mäßig vernichtemdem Urteil. Ja, kannste machen, 500km wirds schon halten. Gang 1&2 läßt sich nicht exackt einstellen und der Chef äußerst die Verdachtsdiagnose, der Umwerfer ist ein chinesisches Fakeprodukt. Von wegen komplett Alytusausstattung. Die Kette auch taugt nix. Aber die Bremsen sind ok. Immerhin. Wie beruhigend. Geht ja auch unter Umständen steil bergab. 

So richtig überzeugend ist das alles nicht, aber egal was kommt. Mut zur Lücke. Die Tager in Bishkek sind gezählt. Morgen gehts los. der Issykkök wartet. 

Bishkek, das passende Bike finden

Bishkek.

Der Tag neigt sich dem Ende, eine Entscheidung ist nicht gefallen. Bevor es los geht am morgen spreche ich mit John, meinem Unterschläfer, der Ökobauer aus Cork und mit 65Jahren einige Monate auf Tour. Er erzählt, daß er für den Anstieg zur Tosor Passhöhe auf gravelroad 2 Tage gebraucht hat. Mit Übernachtung auf dem Gipfel. Nach 3Wo ist er zurück nach Bishkek und freut sich auf die Heimreise auf die grüne Insel.

Kyrgyzstan sei anders als andere Länder zuvor. Ein rauhes Land, viel härter als erwartet. Die 3 Wochen im Land haben ihm abverlangt, es hatte stellenweise nichts mehr mit Urlaub-auf-dem-Rad zu tun, war nur noch anstrengend. Keine Frage ers kommt was auf mich zu. Es läßt mich sprachlos zurück.

Zu deutlich sind mir letzten Videos meiner französischen Bekannten aus Khiva mit ihrer Tosorpass Besteigung in Erinnerung.
Vielleicht doch weiter ohne bike. 4Wochen Kyrgyzstan mit Marshrutka?

Die Anwort gibts am Mittag auf dem Bazar, Rucksäcke gucken. Für den Fall der Fälle. Weiterreise ohne bike.
Der Basar danach läßt ausser Daybacks für Schulkinder viele Wünsche offen. Unbrauchbare Backpacker sind für 17€ zu haben, identisches Material wie in Buchara vor 3 Monaten.

Fahrräder gibts auf dem Osh nicht, also besser die Werkstätten abklappern. Im Laufe des Tages besuche ich 6 Schrauber mit Namen von Velo Lider bis Velo love. Später wird Mc Kinley, ambitionierter Mountainbiker aus den US sagen the mechanic of Velo Lider is probably the best in Bishkek. Wahrscheinlich auch in ganz Kyrgyzstan. Das Dorm ist international.

Das Ergebnis der Besuche überrascht dann doch
26'', 3x7 mit Shimano Altus gibt es für 600€. Vereinzelt ist sogar XTR zu haben. Steht zumindest so drauf.
Preiswerter gehts auch, für 300€ in Vollausstattung gibts die sagenhafte Shiming Schaltung, Chinesische Raubkopie ohne Schamgefühl.

Alle bikes sind leider ohne Gepäckträger, was durchaus bitter ist. Zu Hause lagert ein halbes Dutzend gebrauchte Träger in der Werkstatt, hier gibts Fahrräder nur Ohne.

Wie dem auch sei, ein bike für 4 Wochen muss her, ohne an den Rückflug zu denken, der nocheinmal 90€ extra kosten würde. Je größer die Auswahl, desto schwieriger der Kauf. Nach einem ausgedehnten Marsch, verabrede ich mit Velo Lider einen Inspektionstermin am Dienstag. Die nächsten 3 Tage ist der Lider ohnehin geschlossen.
Meine Zeit verrinnt in Bishkek mit Warten und Radläden stöbern.
Die angebotenen Räder des Hostels sind zurückgelassene Recken vergangener Strapazen, sind keine Alternative, besitzen jedoch alle den von mir ersehnten Gepäckträger, den es anscheinend in keinem Laden zu kaufen gibt.
So wie es aussieht werde ich den Aufenthalt im Apple verlängern müssen.

Montag, 14. November 2022

Was für ein epischer Fehlstart

Die Tour ist zu Ende, bevor sie überhaupt richtig angefangen hat.

Zunächst läuft an diesem Morgen noch alles wie geschmiert.
Hinein in die Bishkek rushhour und dann immer nach Westen bis die M39 erreicht wird. Knapp 60km sind es bis Kara Balta, zu deutsch Schwarze Axt, dem Zielort des heutigen Tages.
Von dort soll es in die Berrge über den Too Anschuu Pass gehen. 

Die M39 ist mehrspurig ausgebaut, auf der Gegenspur drückt der Verkehr im Stau in Richtung Bishkek downtown. Kilometer um Kilometer mit Hunderten von vollbesetzten Marshrutkas aus Provinz. Der Sog der Hauptstadt. Beim Gobus am Stadtrand eine Frühstrückspause. Kefir und Bananen, leichte Kost für einen aufregenden Tag. 
Bei Km15 läßt der Stau nach, es gibt eine breite Schulter, eine herrlich asphaltierte Straße, es  entwickelt sich ein euphorisches fahren. Ein Gefühl von Freiheit. Me in Centralasia. Läuft.
Die erste Tour seit Biking Karelia 2019. 






Leider ist die Stimmung nur von kurzer Dauer. 
Bei Km30 ist das Hinterrad plötzlich nicht mehr zentriert. Die Inspektion an einer Bushaltestelle, das Rad kopfgestellt zeigt sich fürchterliches.
Viele Speichen sind viel zu locker. Meine Versuche zu zentrieren sind kläglich, so das ich das Rad von den Bremsen lösen muss. Herrjeh. Das gabs noch nie. Mehr als 40kg unter mir, mitten in der Pampas und das Hinterrad schlägt. Anfänge von Panik versuche ich zu ignorieren. Nein, Nein, Nein, Hoffentlich gibt es einen Schrauber in Kara Balta denkt es in mir, obwohl ich doch genau weiß, ausserhalb Bishkeks ist Dschungel.
Nach weiteren 10km erneute Probleme. Wieder absteigen, abladen, das Rad kopfstellen und kläglich zentrieren. Ich kann sowas in Ruhe, aber hier in der Bushalte klappt gar nichts. Alle Speichen scheinen nun locker. Fuck. Ich verwünsche und verfluche jeden. Ready to ride hieß es noch großspurig vom Händler. Nach weniger als 80km ist ready to run vorbei. 

Bei 14km vor Kara Balta, mitten im nix, absolute kirgisische Pampas ist Schluß. Obwohl ich noch ausrolle, weiß ich bereits es ist vorbei. 
Sudden death.

Es passiert vor einer spielenden Kinderhorde, die aufgeschreckt durch ein lauten Knall, mich umringen und mit mir sprechen wollen. Das Rad steht innert 5m. Die Schadensbegutachtung braucht keine Unterstützer mehr.

Der Umwerfer fast abgerissen, das Schaltauge durch die Gewalt nach innen auf das Ritzel gedrückt, 7Speichen herausgerissen und die Kette liegt seltsam verdreht hinter der Kassette.
Mit einem Wort: wirtschaftlicher Totalschaden.
Die Tour ist zu Ende.

Während ich mit den Tränen kämpfe versuche ich den verbogenen Umwerfer mit bloßen Fingern aus den Speichgen zu reißen, Fragmente zu entfernen und das Rad irgendwie rollbar zu machen. 
Laut GPS sind es 9,4km bis Kara Balta, schievben bleibt meine Option, um das Material von der Strasse weg zu bringen. In Kara Balta wird es eine Marshrutka nach Bishkek geben, vielleicht sogar einen grossen Bus.
Ich schiebe das schleifende, anschlagende Rad mit dem Gewicht der Taschen und denke über all die Qualen der Monate Vorbereitung nach.
All die Planungen haben sich in 5m pulverisiert. Alles vorbei. 
Tränen füllen meine Augen.Die Enttäuschung ist riesig 9,4km können eine fucking lange Strecke sein. 
Aber der Tag ist nicht zu Ende. 
Es gibt in dem lang gestrecktem Ort erwartungsgemäß keinen Schrauber, das Hotel existiert nicht mehr. Mein Bewegungsradius ist schwer eingeschränkt. Was nun?
Es bleibt nur die Ultima ratio, das Rad aufgebe. zurück nach Bishkek. 
Am Marshrutka Parkplatz entferne ich Tacho und den Sattel, überlasse das Rad seinem Schicksal und steige mit 4 Taschen in den Marshruthka.
Es geht mir nicht gut, 60min später bin ich wieder in Bishkek. Noch während der Fahrt buche ich ein Hostel wahllos in der visavis des Busbahnhofs. 

Erstmal ankommen und die Sache neu beginnen. Leider hält der Marshrutka nicht seine Zusage ein und die Fahrt endet an einer Kreuzung einer Hauptstrasse 2,1km vor dem Hostel. 
2,1km entfernt mit 45kg unter dem Arm in der Nachmittags rushhour. 
2100 beschissene Meter. Meine Stimmung hat den absoluten Tiefpunkt erreicht. 
100m laufen, Pause, 100m laufen. 

Dass das Hostel letztlich der Hauptgewinn des Tages ist und im der Verlauf der Reise noch eine weitere Rolle spielen würde, ist nach 1 Stunde Fußmarsch nicht vorstellbar. Um 18:15h drück ich die Hausklingel des Apple Bishkek.