Montag, 14. November 2022

Was für ein epischer Fehlstart

Die Tour ist zu Ende, bevor sie überhaupt richtig angefangen hat.

Zunächst läuft an diesem Morgen noch alles wie geschmiert.
Hinein in die Bishkek rushhour und dann immer nach Westen bis die M39 erreicht wird. Knapp 60km sind es bis Kara Balta, zu deutsch Schwarze Axt, dem Zielort des heutigen Tages.
Von dort soll es in die Berrge über den Too Anschuu Pass gehen. 

Die M39 ist mehrspurig ausgebaut, auf der Gegenspur drückt der Verkehr im Stau in Richtung Bishkek downtown. Kilometer um Kilometer mit Hunderten von vollbesetzten Marshrutkas aus Provinz. Der Sog der Hauptstadt. Beim Gobus am Stadtrand eine Frühstrückspause. Kefir und Bananen, leichte Kost für einen aufregenden Tag. 
Bei Km15 läßt der Stau nach, es gibt eine breite Schulter, eine herrlich asphaltierte Straße, es  entwickelt sich ein euphorisches fahren. Ein Gefühl von Freiheit. Me in Centralasia. Läuft.
Die erste Tour seit Biking Karelia 2019. 






Leider ist die Stimmung nur von kurzer Dauer. 
Bei Km30 ist das Hinterrad plötzlich nicht mehr zentriert. Die Inspektion an einer Bushaltestelle, das Rad kopfgestellt zeigt sich fürchterliches.
Viele Speichen sind viel zu locker. Meine Versuche zu zentrieren sind kläglich, so das ich das Rad von den Bremsen lösen muss. Herrjeh. Das gabs noch nie. Mehr als 40kg unter mir, mitten in der Pampas und das Hinterrad schlägt. Anfänge von Panik versuche ich zu ignorieren. Nein, Nein, Nein, Hoffentlich gibt es einen Schrauber in Kara Balta denkt es in mir, obwohl ich doch genau weiß, ausserhalb Bishkeks ist Dschungel.
Nach weiteren 10km erneute Probleme. Wieder absteigen, abladen, das Rad kopfstellen und kläglich zentrieren. Ich kann sowas in Ruhe, aber hier in der Bushalte klappt gar nichts. Alle Speichen scheinen nun locker. Fuck. Ich verwünsche und verfluche jeden. Ready to ride hieß es noch großspurig vom Händler. Nach weniger als 80km ist ready to run vorbei. 

Bei 14km vor Kara Balta, mitten im nix, absolute kirgisische Pampas ist Schluß. Obwohl ich noch ausrolle, weiß ich bereits es ist vorbei. 
Sudden death.

Es passiert vor einer spielenden Kinderhorde, die aufgeschreckt durch ein lauten Knall, mich umringen und mit mir sprechen wollen. Das Rad steht innert 5m. Die Schadensbegutachtung braucht keine Unterstützer mehr.

Der Umwerfer fast abgerissen, das Schaltauge durch die Gewalt nach innen auf das Ritzel gedrückt, 7Speichen herausgerissen und die Kette liegt seltsam verdreht hinter der Kassette.
Mit einem Wort: wirtschaftlicher Totalschaden.
Die Tour ist zu Ende.

Während ich mit den Tränen kämpfe versuche ich den verbogenen Umwerfer mit bloßen Fingern aus den Speichgen zu reißen, Fragmente zu entfernen und das Rad irgendwie rollbar zu machen. 
Laut GPS sind es 9,4km bis Kara Balta, schievben bleibt meine Option, um das Material von der Strasse weg zu bringen. In Kara Balta wird es eine Marshrutka nach Bishkek geben, vielleicht sogar einen grossen Bus.
Ich schiebe das schleifende, anschlagende Rad mit dem Gewicht der Taschen und denke über all die Qualen der Monate Vorbereitung nach.
All die Planungen haben sich in 5m pulverisiert. Alles vorbei. 
Tränen füllen meine Augen.Die Enttäuschung ist riesig 9,4km können eine fucking lange Strecke sein. 
Aber der Tag ist nicht zu Ende. 
Es gibt in dem lang gestrecktem Ort erwartungsgemäß keinen Schrauber, das Hotel existiert nicht mehr. Mein Bewegungsradius ist schwer eingeschränkt. Was nun?
Es bleibt nur die Ultima ratio, das Rad aufgebe. zurück nach Bishkek. 
Am Marshrutka Parkplatz entferne ich Tacho und den Sattel, überlasse das Rad seinem Schicksal und steige mit 4 Taschen in den Marshruthka.
Es geht mir nicht gut, 60min später bin ich wieder in Bishkek. Noch während der Fahrt buche ich ein Hostel wahllos in der visavis des Busbahnhofs. 

Erstmal ankommen und die Sache neu beginnen. Leider hält der Marshrutka nicht seine Zusage ein und die Fahrt endet an einer Kreuzung einer Hauptstrasse 2,1km vor dem Hostel. 
2,1km entfernt mit 45kg unter dem Arm in der Nachmittags rushhour. 
2100 beschissene Meter. Meine Stimmung hat den absoluten Tiefpunkt erreicht. 
100m laufen, Pause, 100m laufen. 

Dass das Hostel letztlich der Hauptgewinn des Tages ist und im der Verlauf der Reise noch eine weitere Rolle spielen würde, ist nach 1 Stunde Fußmarsch nicht vorstellbar. Um 18:15h drück ich die Hausklingel des Apple Bishkek. 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen